6.06.2021 I Bereich: Bauernhoftiere

Über den europäischen Konsum vom Hühnerbrust, Hühnerexporte und afrikanische Wirtschaftsflucht

Weshalb der signifikant angestiegene, europäische Konsum von Hühnerbrust zu Wirtschaftsflucht aus Afrika führt: In Ghanas Hauptstadt Accra reihen sich jeden Tag viele Stände mit Metzgern, die ihr eigens geschlachtetes Fleisch verkaufen. Lamm, Rinder, Schweine und mehr gibt es hier auf dem Markt zu kaufen. Was man auf den Märkten (im Übrigen in zahlreichen Ländern Afrikas) jedoch kaum findet, ist frisch geschlachtetes, heimisches Geflügel. Denn das lokale Hühnchen wurde von dem aus Europa stammenden “Exporthuhn” (Schlägel, Keulen, Beine – also alles Hühnerbestandteile, welche die Europäer eher weniger gerne essen) nahezu verdrängt.

Europäische Reste mit unschlagbarem Preis

Das importierte Geflügel, das auf dem Markt verkauft wird, ist im Grunde das, was wir Europäer nicht mehr wollen. Besonders Hähnchenschenkel bleiben oft unverkäuflich – anders in Afrika: Denn die aus dem Export stammenden Hühner kosten weniger als die Hälfte vom Preis des lokalen Produktes, ist bereits zerteilt und ist leicht zu bekommen.

Export boomte nach großer Dürre

Der Kauf von Hühnchen aus Europa begann nach einer Dürre im Jahr 1983. Zu diesem Zeitpunkt brauchte Afrika die europäischen Hühner, um die heimische Wirtschaft zu unterstützen. Zuerst wurden nur Hühnerfüße und -beine verkauft, es folgten verarbeitete Produkte. Seit den Neunzigern boomt der Export, auch von Geflügelschenkeln und -flügeln. Der Grund: Die in Europa beliebte Hühnerbrust sorgt für viele Reste an Hühnchenfleisch. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt die afrikanische Fleischindustrie ihren Bedarf zum Großteil wieder selbst decken konnte, wurden Importe subventioniert. Nicht ohne Grund, denn die Hühnerreste müssen weg – besser diese billigst nach Afrika exportieren, als Gebühren für die Entsorgung zu zahlen, so die Einstellung der großen Konzerne.

Regionale Produkte fast vollständig verdrängt

Natürlich hat auch Afrika seine eigene Produktion von Hühnern. Doch diese sind mehr als doppelt so teuer wie das Importfleisch. Was einst als Notimport begann, hat die Märkte längst erobert und verdrängt dabei die lokale Industrie. Nur noch 5 Prozent des Marktanteils stammt aus der Region. Der unschlagbare Preis überzeugt viele. Ghana importiert jährlich rund 300 000 Tonnen Hühnchen aus Europa, den USA und Südamerika. Die Folge: die heimische Geflügelindustrie steht vor dem Zusammenbruch. Vor allem Produzenten in ländlichen Regionen sind von Armut bedroht. Dies wiederum führt dazu, dass insbesondere junge Afrikaner zu Wirtschaftsflüchtlingen werden und nach einem besseren Leben in einem der europäischen Ländern suchen.

Schutz des heimischen Marktes schlug fehl

Einmal entdeckt und erobert wollen europäische Exporteure ihren Marktanteil natürlich nicht wieder abgeben. Auch ein Versuch von Ghana, sich zu wehren, führte zu nichts: Sie wollten zur Verhinderung der Marktübernahme im Jahr 2003 die Importzölle erhöhen. Doch der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank drohten mit Kreditsperren. Ghana hatte keine andere Wahl als nachzugeben, denn ihr Staatshaushalt ist auf internationale Finanzierung angewiesen. Ein weiteres Druckmittel sind Handelspartnerschaften, die so genannten Economic Partnership Agreements, kurz EPA, die die EU mit einigen afrikanischen Ländern geschlossen hat. Sie öffnen und erleichtern Import und Export.

Die Geflügelfarmer, die nicht aufgeben

Die meisten Produzenten von regionalen Hühnern mussten inzwischen aufgeben. Denn ihre Existenz hängt vom Verkauf der Tiere ab und ihr Geflügel ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Doch nicht alle Farmer wollen sich ihrem Schicksal hingeben: Manche halten durch und versuchen, mit ihrer Fleischproduktion den heimischen Markt wieder zu stärken. Auch die Regierungen vieler Länder Afrikas unterstützen das, zum Beispiel in Form von großen Kampagnen, die für die heimischen Hühner werben. Doch um den afrikanischen Geflügelmarkt wieder aufzubauen, fehlt noch einiges, das regionale Huhn können sich nur wenige Menschen in Afrika leisten. Und auch bei größter Anstrengung stehen auf der Seite der Exportländer weiterhin Subventionen, effiziente Massenproduktion und der bereits gesicherte Marktanteil.


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