6.03.2021 I Bereich: Bauernhoftiere

Muttergebundene Kälberaufzucht – sinnvoll, natürlich, liebevoll

Nach der Geburt eines Kalbes werden in der konventionellen Milchviehhaltung, die Kälber entweder sofort oder nach ein bis zwei Tagen (Biohaltung) vom Muttertier isoliert. Statt am Euter der Mutterkuh zu säugen, erhalten sie zweimal täglich einen Eimer mit Milch oder häufig auch Milchersatzprodukten. Die Kuh kann dadurch weiter normal gemolken werden. Anders ausgedrückt, sorgen die Landwirte dafür, dass Kühe permanent schwanger sind und kalben, damit sie Milch erzeugen und sie gemolken werden können. Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht bleiben die Jungtiere beim Muttertier und werden über die ersten drei bis vier Monate von der Kuh betreut. Bei Bullenkälber beträgt die Betreuungszeit meistens etwas länger. Nach dieser Zeit setzt die Kuh ihr Junges ab. Das bedeutet, dass es nicht mehr gesäugt wird und sich nur noch milchlos/von Gras o. Ä. ernährt.

Welche Vorteile haben Kühe von der muttergebundenen Kälberaufzucht?

Sowohl für Kuh als auch Kalb bringt diese Aufzucht zahlreiche Vorteile mit sich. Es handelt sich um eine natürliche und artgerechte Aufzucht für das Kalb. Die Nähe zwischen Kuh und Kalb ermöglicht eine stressfreie Entwicklung ohne den Konkurrenzkampf mit anderen Kälbern durchleben zu müssen. Es kann in der natürlichen Stellung und Geschwindigkeit am Euter der Mutter saugen. Es nimmt direkt die frische Milch von der Kuh auf, sodass die Gefahr einer Kontamination der Milch, wie sie bei Eimertränken geschehen kann, reduziert wird. Außerdem kann die Kuh ihr Jungtier bei der muttergebundenen Kälberaufzucht beim Säugen lecken, wodurch die Durchblutung gefördert wird und Keime auf dem Fell entfernt werden. Die Kälber saugen zudem in ihrer Wachstumsphase weniger an anderen Kühen und Gegenständen (wie bsp. Stalleinrichtungen) und verringern somit weiter ihr Infektionsrisiko durch Keime. Auf diese Weise aufgezogene Kühe zeigen langfristig ein besseres Sozialverhalten und sind später die besseren Mutterkühe. Für das Muttertier sorgt das Säugen ihrer Kälber für eine gute Eutergesundheit. Studien zeigen, dass durch die muttergebundene Kälberaufzucht Tiere mit chronischen Euterproblemen geheilt werden können.

Welche Vorteile haben Landwirte von der muttergebundenen Kälberaufzucht?

Kälber, die von ihren Müttern gesäugt werden, zeigen in der Säugezeit eine stärkere Gewichtszunahme gegenüber denen aus konventioneller Aufzucht. Auch nach dem Absetzen entwickeln sie sich besser und haben ein früheres Erstkalbalter. Die Nachfrage nach Milch von Kühen aus muttergebundener Kälberaufzucht nimmt immer weiter zu. Dem zugute kommt, dass so aufgezogene Kühe eine höhere Milchleistung zeigen. Bereits die Muttertiere haben eine leicht steigende Milchproduktion, wenn sie ihre eigenen Kälber aufziehen, statt nach der Geburt normal gemolken zu werden. Zwar benötigt die Beobachtung der Tiere Zeit und flexible Planung, dennoch sinkt durch Wegfall des Aufwandes für Eimerreinigung, für Milcherwärmung und gegebenenfalls für Ansetzen von Milchersatzprodukten der Arbeitsaufwand wesentlich.
Durch die ständige Beobachtung und die individuelle Betreuung der Kühe durch den Landwirt wird eine intensive Verbindung zwischen Menschen und Tier hergestellt. Diese bedeutet für beide einen stressfreieren Arbeitsalltag, der sich auch positiv in der Milchleistung der Kühe widerspiegelt.

Ist die muttergebundenen Kälberaufzucht ein mögliches Zukunftsmodell?

Die Umstellung auf die muttergebundene Kälberaufzucht ist für den Landwirt mit Risiko und Aufwand verbunden. Die besseren Eigenschaften der Kühe, sowohl was den Charakter als auch die Leistung betrifft, sprechen dennoch für eine Umstellung auf diese Form der Kälberaufzucht. Die stets steigende Nachfrage nach Milch und auch Fleisch aus artgerechter Haltung, gestalten die Umrüstung für die Zukunft vielversprechend. Zunehmende Thematisierung artgerechter Tierhaltung in Medien und Politik lassen eine Zukunft vermuten, in der Lebensmittel aus einer solchen Aufzuchtform mehr gefragt sind.

Nachfolgend einige schöne Bilder von Kühen mit ihren Kälbern

Zeit zu zweit für Kuh und Kalb – Neues Siegel für kuhgebundene Kälberaufzucht

In der Milchkuhhaltung ist es gängige Praxis, das Kalb kurz nach der Geburt von seiner Mutter zu trennen. Doch in den letzten Jahren gehen einige Betriebe einen neuen Weg und lassen ihre Jungtiere bei der Mutter oder einer Ammenkuh saugen. Um diese artgerechte Haltungsform zu kennzeichnen, haben die Demeter HeuMilch Bauern und der Nutztierschutzverein PROVIEH e. V. in einem Gemeinschaftsprojekt das Siegel “Zeit-zu-zweit“ entwickelt. Es ist seit dem 1. Oktober 2019 im Handel und definiert die Standards für eine kuhgebundene Kälberaufzucht.

Aufzucht der Kälber

Die Richtlinien, die dem Siegel zugrunde liegen, schreiben vor, dass sowohl weibliche als auch männliche Jungtiere mindestens vier Wochen nach ihrer Geburt bei ihrer Mutter oder einer Ammenkuh bleiben dürfen. Wünschenswert ist es, diesen Zeitraum auf drei Monate zu verlängern. Dann ist der Pansen der Kälber soweit entwickelt, dass sie auch mit anderen Futtermitteln ernährt werden können.

PROVIEH definiert drei Methoden, wie die Aufzucht nach den sogenannten Mutter-Amme-Kalb (MAK)-Kriterien durchgeführt werden kann:

  • Die Jungtiere kommen zweimal täglich zum Säugen mit der Mutter zusammen. Die Kühe werden weiterhin gemolken.
  • Kälber haben mehrere Stunden oder ganztägig Kontakt zu ihrer Mutter. Die Kühe werden ein- bis zweimal täglich gemolken.
  • Zwei bis vier Kälber saugen bei einer Ammenkuh, die während des Zeitraums der Aufzucht nicht gemolken wird.

Männliche Jungtiere, die üblicherweise schnell vermarktet werden, bleiben ebenfalls für einige Wochen auf dem Hof und werden mit Milch versorgt.

Vorteile für die Tiere

Ziel des Siegels ist es, zu einer wesensgemäßen Haltung zurückzufinden. Kühe sind soziale Wesen und die Trennung von Kalb und Mutter entspricht nicht ihrer Natur. Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht werden wesentliche Bedürfnisse der Kälber wie der Sozialkontakt, das Belecken, die Körperpflege durch die Mutter (oder einer Ammenkuh) sowie das Saugen am Euter erfüllt. Dadurch zeigen sie später ein besseres Sozialverhalten und sind weniger anfällig für Stress und Krankheiten.

Voraussetzungen für die Nutzung des Siegels

Um das Siegel für ihre Produkte verwenden zu dürfen, müssen Landwirte folgende Kriterien erfüllen:

  • Der Zeitraum, den Kuh und Kalb direkt nach der Geburt miteinander verbringen, muss lang genug sein, um die Bindung zwischen den beiden zu festigen. Dem Kalb muss Zeit gegeben werden, ausreichend Biestmilch aufzunehmen.
  • Der Mindestzeitraum für die kuhgebundene Kälberaufzucht erstreckt sich über vier Wochen. Im besten Fall sollte er auf die ersten drei Lebensmonate ausgedehnt werden.
  • Kuh und Kalb müssen mindestens zweimal am Tag zum Säugen aufeinandertreffen.
  • Das Jungtier kann von seiner eigenen Mutter oder von einer Ammenkuh gesäugt werden.
  • Sowohl männliche als auch weibliche Jungtiere dürfen bei der Mutter bleiben.

Die Kampagne “Kuh+Du”

Die Kampagne Kuh+Du macht auf Missstände in der Haltung von Kühen aufmerksam. Während in den letzten Jahren Medien vielfach über Missstände in Schweine- und Hühnerhaltung berichteten, blieb die Rinder- und Kuhhaltung eher unberücksichtigt. Der Grund dafür ist, dass Kühe in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung nicht berücksichtigt werden. Zusammen mit einem breiten Spektrum an Fachleuten, bestehend aus Tierärzten, Landwirten, Wissenschaftlern und Juristen, entwickeln die Teilnehmer einen Verordnungsentwurf für Rinderhaltung und machen Verbraucher auf artgerechte Tierhaltung aufmerksam. Hierfür veranstalten sie Demonstrationen und fertigen Literatur. Diese hat zum einen den Zweck, Verbraucher über die aktuellen Missstände in der Rinderhaltung aufzuklären. Zum Anderen gibt sie ihnen die Möglichkeit, den Umstieg auf artgerecht produzierte Waren zu erleichtern. Sie veröffentlichten beispielsweise eine Liste mit Höfen, die muttergebundene Kälberaufzucht betreiben oder einen Milchratgeber, der die Haltungsvorgaben bekannter Milchmarken aufführt.


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