24.07.2018 I Bereich: Ernährung

100% Vegan – Ein Muss?

Nachgedacht über einen Kompromiss

Am liebsten würde ich mich 100 % vegan ernähren. Schluss mit dem Tierelend und mit meinem ständigen schlechten Gewissen. Schluss mit der ewigen Fragerei, ob die Henne von der mein Frühstücksei stammt, auch wirklich ein glückliches Leben auf dem Bauernhof führt. Zumindest sieht es auf der Visitenkarte so aus, die mir der freundliche Eier-Verkäufer auf dem Stadtmarkt in die Hand gedrückt hat. Ich könnte ja auch einfach mal raus fahren und nachsehen…

Ja, ich würde wirklich gerne „GoVegan“ rufen, wenn da nur nicht… Ja wenn da nur nicht meine Liebe zum kreativen Kochen (und essen) wäre, das alle verfügbaren Lebensmittel einschließt. Mein Verständnis von ausgewogener und gesunder Ernährung auch tierische Lebensmittel beinhaltet. Und wenn da nicht ab und an die Lust auf eine leckere Pizza Hawaii wäre oder auf den leckeren Burger in meinem Lieblingsrestaurant. Der Wunsch nach Einfachheit, nicht ständig nachdenken zu müssen und essen was schmeckt. Und so weiter. Für einen echten Vollblutveganer sind das keine Argumente, ich weiß. Und ich bewundere die Menschen, die sich dazu entschlossen haben, diesen Weg kompromisslos zu gehen, stark sind und Vorbild. Danke.

Na ja, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, habe ich Schritt für Schritt während der letzten Jahre meinen Fleischkonsum immer mehr reduziert. Wenn ich kaufe, dann nur auf dem Bauernhof meines Vertrauens. Dort kann ich kurz bei den Tieren im Stall vorbei schauen und danach im Hofladen einkaufen. Ich weiß wer schlachtet, wie und wo geschlachtet wird, wie viel… Auch mein Konsum aller anderen tierischen Lebensmittel hat im Laufe der letzten Jahre immer weiter abgenommen. Ich koche und esse bewusst Fleisch & Co., ich genieße es. Ja, es ist durchaus etwas Besonderes für mich – unabhängig davon, dass es auch nicht ganz günstig ist, das Ei vom wirklich glücklichen Bauernhof-Hühnchen oder die Schulter vom tatsächlich natürlich lebenden Rind.

Ich beobachte, dass viele Menschen häufig in Extremen leben, ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß. Machen sie Sport, muss es vier, fünf Mal die Woche sein und das ist dann eigentlich immer noch zu wenig. Oder Menschen, die sich überhaupt nicht bewegen – mit dem Auto ins Büro fahren, dort sitzend arbeiten, wieder zurück fahren, um dann den Abend auf der Coach mit ungesundem Essen und Knabbereien zu verbringen. Menschen, die entweder LowCarb-Verfechter oder LowCarb-Ablehner sind. Menschen, die entweder Soja gut heißen oder total dagegen sind… Ich finde, das ist wirklich übertrieben.

Was ist eigentlich mit dem guten alten Mittelweg, dem Kompromiss passiert? Ist das Leben nicht viel mehr Graustufen? Was wäre, wenn jeder Mensch nur noch auf dem Bauernhof sein Fleisch einkaufen würde? Und das vielleicht nur alle zwei Wochen, beschränkt auf rund 1000 Gramm pro Person? Jede Woche nur noch sechs Eier, ein halber Liter Milch und ein wenig Käse? Dafür öfter mal etwas Neues ausprobieren mit zum Beispiel Tofu, Mandelmilch oder Kichererbsen? Wenn niemand mehr billigstes Fleisch und Wurstwaren in Discountern bzw. Supermärkten kaufen würde (das ist für mich übrigens ein absolutes No-Go)? Wenn die regelmäßigen Besuche in Fast-Food-Ketten ersetzt würden durch einmal im Monat schön, gemütlich und schmackhaft in einem richtigen Burgerrestaurant schlemmen? Was wäre dann?

Ja, ich frage mich: Können wir die Welt nur mit 100 % „GoVegan“ retten oder geht auch „Minus 70% tierische Lebensmittel“? Wenn wir alle reduzieren, bewusster leben, mehr genießen würden, achtsamer und auch kreativer wären, täten wir nicht nur unserer Welt und den Tieren einen Gefallen, sondern auch uns selbst und unserer Gesundheit. Im Übrigen verzehrt jeder Deutsche im Jahr ungefähr (für mich unglaubliche) 70 Kilogramm Fleisch, davon rund 50 Kilo Schweinefleisch. Bei 2000 Gramm im Monat (meiner Meinung nach recht realistisch und in jedem Fall ausreichend) lägen wir nur noch bei 24 Kilo pro Person im Jahr. Ein Anfang?

Die meisten Menschen haben zwischenzeitlich verstanden, dass Zucker nicht gut ist. Sie suchen nach Ersatz oder haben zumindest manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie zu viele Süßigkeiten oder Fertiggerichte essen. Schaffen wir es auch, dieses Bewusstsein in Bezug auf tierische Lebensmittel zu schaffen?

Aufklärung, Hinweise, Wiederholung, Alternativen schaffen und aufzeigen – nur so können langsam, aber sicher Änderungen erzielt werden. Nein, nichts aufzwängen oder jemanden überreden. Einfach erkennen lassen und zum richtigen Moment anstupsen, helfen. Es wäre schön, wenn wir selbst mehr erkennen würden, uns ändern könnten, um dann für andere ein gutes Vorbild mit einem ganzheitlich gesunden Lebensstil wären.

Was meint ihr? 100% vegan oder ein Kompromiss mit der bewussten, starken Reduktion von tierischen Lebensmitteln?